Strompreise für 2027 steigen auf höchsten Stand seit der Energiekrise

An der Strombörse haben die Preise für Stromlieferungen im Jahr 2027 deutlich angezogen. Anfang September erreichten sie den höchsten Stand seit Januar 2023. Als wesentliche Ursache gelten die gestiegenen Gaspreise infolge des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Erneuerbare Energien könnten den Preisanstieg jedoch dämpfen.

Die Stromrechnungen für 2027 sind noch nicht geschrieben, doch an den Terminmärkten wird bereits mit Strom für das kommende Jahr gehandelt. Die aktuelle Entwicklung dürfte Verbraucherinnen und Verbraucher ebenso wie Unternehmen beunruhigen: Der Preis für Stromlieferungen im Jahr 2027 ist so hoch wie seit der Energiekrise nicht mehr.

Nach Angaben der Preisberichtsagentur Argus Media stieg der sogenannte Baseload-Terminkontrakt am 2. September auf 123,12 Euro je Megawattstunde. Das entspricht rund 12 Cent pro Kilowattstunde und markiert den höchsten Stand seit Januar 2023. Auch die Terminkontrakte für die Jahre 2028 und 2029 erreichten neue Höchststände.

Steigende Gaspreise treiben den Terminmarkt

Die Entwicklung bedeutet eine deutliche Kehrtwende. Noch zu Jahresbeginn gingen viele Marktbeobachter davon aus, dass die deutschen Strompreise in den kommenden Jahren spürbar sinken würden. Nun sorgen vor allem der Konflikt zwischen den USA und dem Iran sowie die damit verbundenen Verwerfungen auf dem Gasmarkt für Unsicherheit.

Durch die Blockade der Straße von Hormus hat sich das weltweite Angebot an Flüssiggas verknappt. Gleichzeitig ist der internationale Wettbewerb um LNG-Lieferungen gestiegen. Am europäischen Gashandelsplatz TTF haben sich die Preise seit Dezember mehr als verdoppelt: Sie stiegen von rund 28 auf 74 Euro je Megawattstunde.

Über das sogenannte Merit-Order-Prinzip kann teures Gas auch den Börsenstrompreis beeinflussen. Vereinfacht gesagt bestimmt häufig das zuletzt benötigte und damit teuerste Kraftwerk den Preis für alle Stromerzeuger. Sind dies Gaskraftwerke, schlagen steigende Brennstoffkosten entsprechend auf den Strommarkt durch.

Strompreis löst sich zunehmend vom Gaspreis

Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass sich das deutsche Energiesystem verändert. Der Zusammenhang zwischen Gas- und Strompreisen ist heute weniger stark ausgeprägt als noch vor einigen Jahren.

„Seit 2022 hat sich der deutsche Strompreis sehr deutlich vom Gaspreis entkoppelt“, erklärt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE gegenüber ntv.de. Gandhi verantwortet gemeinsam mit seinem Institut die Plattform Energy-Charts, auf der umfangreiche Daten zur Stromerzeugung, zum Verbrauch und zu den Börsenstrompreisen veröffentlicht werden.

Wie stark erneuerbare Energien den Strompreis beeinflussen können, zeigt eine Auswertung des ersten Halbjahres 2026. Von Februar bis März stieg der Erdgaspreis infolge des Konflikts um 48 Prozent auf 52,71 Euro je Megawattstunde. Gleichzeitig erhöhten sich die Grenzkosten der Stromerzeugung in Gaskraftwerken um 39 Prozent auf 132,87 Euro je Megawattstunde. Darin enthalten sind sowohl die Kosten für das Gas als auch für die benötigten CO₂-Zertifikate.

Trotzdem verteuerte sich der Börsenstrom nicht. Nach Beginn des Konflikts sank sein Preis sogar auf 95,58 Euro je Megawattstunde. Verantwortlich dafür war vor allem die hohe Stromproduktion aus Wind- und Solaranlagen.

„Hätten die erneuerbaren Energien nicht so stark zur Stromerzeugung beigetragen, wäre der Börsenstrompreis im April 76 Prozent höher gewesen“, so Gandhi.

Terminpreise sind keine verlässliche Strompreisprognose

Die derzeit hohen Terminmarktpreise lassen sich nicht automatisch auf die späteren Stromrechnungen übertragen. Sie spiegeln in erster Linie die aktuellen Erwartungen der Marktteilnehmer sowie das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider.

Wie hoch der Anteil von Wind- und Solarenergie im Jahr 2027 tatsächlich ausfallen wird, können die Verträge nicht abbilden. Wetterbedingungen, Kraftwerksverfügbarkeit, Netzausbau und Speicherkapazitäten werden den tatsächlichen Strommix und damit auch die Preise maßgeblich beeinflussen.

Ein hoher Anteil erneuerbarer Energien könnte den Einsatz teurer Gaskraftwerke begrenzen und die Strompreise senken. In Zeiten geringer Wind- und Solarstromerzeugung besteht dagegen weiterhin das Risiko, dass Gaskraftwerke den Börsenpreis bestimmen.

Welche Rolle spielen künftig neue Gaskraftwerke?

Deutschland treibt die Entkopplung von Strom- und Gaspreisen bislang nicht konsequent voran. Derzeit werden noch zahlreiche Kohlekraftwerke als Reserve vorgehalten und bei Engpässen im Stromnetz reaktiviert. In den kommenden Jahren sollen diese Anlagen jedoch schrittweise abgeschaltet werden.

Als Ersatz plant Wirtschaftsministerin Katherina Reiche den Bau zahlreicher neuer Gaskraftwerke. Sie sollen die Stromversorgung in Zeiten absichern, in denen Wind- und Solaranlagen nicht genügend Energie liefern. Andere Regionen wie Kalifornien setzen hierfür zunehmend auf große Batteriespeicher.

Die Betreiber der geplanten Gaskraftwerke sollen sowohl für die Bereitstellung ihrer Kapazitäten als auch für den tatsächlich erzeugten Strom vergütet werden. Damit bleibt Deutschland jedoch abhängig von den Entwicklungen auf den internationalen Gasmärkten. Geopolitische Krisen und steigende LNG-Preise könnten somit auch künftig Einfluss auf den deutschen Strompreis nehmen.

Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien warnt daher: „Wird der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst und wegfallende Kohlekraftwerksleistung verstärkt durch Gaskraftwerke ersetzt, bestimmen die hohen Kosten der Gasverstromung künftig immer häufiger den Börsenstrompreis.“

Der weitere Ausbau von Wind- und Solarenergie, Stromnetzen und Speichern dürfte deshalb entscheidend dafür sein, wie stark Verbraucherinnen und Verbraucher künftig von schwankenden Gaspreisen betroffen sind.